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Ein Nachmittag in einer Buchhandlung oder: Bananasplit mit Kirsche

Leider habe ich heute noch keine Neuigkeiten von Lizzi Bennet. Das Buch ist eingetroffen und auch schon angelesen, aber ich möchte erst davon erzählen, wenn ich richtig in der Geschichte drin bin.

Heute möchte ich von meinem letzten Besuch in einer Buchhandlung berichten. Ein bisschen ernüchternd, erleuchtend und überraschend hat mich dieser Nachmittag eine Weile beschäftigt. Ich selbst bin Buchhändlerin und habe an die 13 Jahre in verschiedenen Buchhandlungen gearbeitet und weiß, wie das alles so läuft. Da sieht man fremde Buchhandlungen mit ganz anderen Augen.

Ich betrete also die Ladenfläche und sehe sofort, dass hier mal eine alt-ehrwürdige Buchhandlung ihren Sitz hatte. Viele Regale aus echtem Vollholz, Messingbeschläge an den Schubläden, ein riesengroßer Tresen zum Kassieren und Verpacken der Schmökerstückchen. Hohe Decken mit verschnörkelten Lampen, genauso verschnörkelt wie die Wendeltreppe, die nach oben zur Kinderecke heraufführt: Ein wunderschöner Laden mit ebensolchem Interieur. Leider hängt draußen an der Hauswand nicht mehr der Originalname der Buchhandlung, sondern der eines modernen Riesenimperiums. Schade. Kleine familiär geführte Buchhandlungen gibt es einfach viel zu wenige und sie werden dazu noch immer weniger. Gerne ist man doch in solchen Buchläden Stammkunde und tauscht sich über das erst kürzlich beendete Buch aus oder bestellt die Schulbücher für das nächste Jahr und freut sich, wenn schon vorher an einen gedacht wurde und die Mitarbeiterin weiß, in welche Klasse der Goldschatz kommt. Buchhändler, die mit ganzem Herzen dabei sind, können und lieben sowas.

Das erste, was mir in dem Laden auffällt, ist der vorderste Auslagentisch. Stapelweise türmen sich die „Bestseller-Krimis“ zu einem Papierkonglomerat nicht überschauberen Ausmaßes. Schwarz, Grau, Rot, manchmal noch ein Dunkelgrün, dominieren die Cover. Überschriften wie „Gemetzel“, Verschollen“, „Düstere Vergebung“, „Das Grab der Sechs“ oder andere schrille Todesbeschreibungen reihen sich aneinander, als ob es nichts Gutes mehr auf der Welt gäbe. Man kann sich vorstellen, wie das Blut spritzt, Kinder ihren Familien entrissen werden oder Frauen auf der Flucht vor ihrem Peiniger Klippen herab stürzen. Manchmal frage ich mich, warum Menschen sowas in ihrer Freizeit lesen, schiebe den Gedanken aber weit weg. Sich vorzustellen, dass der Leser solcher Krimis es aus Vergnügen oder schlimmer noch aus unausgelebter Fantasie heraus tut, lassen mir die Nackenhaare zu Berge stehen. Der Meinige geht sogar noch einen Schritt weiter und mutmaßt, dass derartige Gemetzelthriller, egal ob als Buch oder Film, den Einen oder Anderen mit üblen Gewaltfantasien noch auf Ideen bringt: Da fällt mir sogar spontan ein Thriller ein, wo der Mörder aufgrund eines „Kinderbuchs“ Frauen umbringt: In Todesfrist von Andreas Gruber ist der Struwwelpeter die Wurzel allen Übels. Ja, ich gestehe: Gaaaaanz selten lese ich auch mal einen Thriller, bin aber kein Serienmörder 😉 Ich greife auch nur zu, wenn meine Kollegen einmütig schwören, dass ich das UNBEDINGT lesen muss.
Der nächste Tisch (wohlgemerkt passen diese hässliche Tische nicht zur restlichen Ausstattung dieses Buchtempels) beherbergt die seichte Frauenliteratur. Im Vergleich zum ersten Tisch sind hier die markanten Farben Weiß, Rot, Rosa, Hellblau, ein frisches Wiesengrün oder ganz schrille Neonfarben – je nach Thema – eher verspielt romantisch oder offenherzig und exzentrisch. Ich kann mich nicht entscheiden, ob dieses Genre oder das erste mehr Fantasielosigkeit in der Gestaltung erkennen lässt. Grandiose Beispiele der „Massenbuchhaltung“, die in Großbuchhandlungen gnadenlos zelebriert wird. Ein Kollege von der großen Muse hat mir mal erzählt: „Was sich nach drei Monaten nicht ordentlich dreht, wird remittiert.“ Na, bestens. Und was ist mit den Titeln von kleineren Verlagen, die vielleicht erst nach drei Monaten, wenn überhaupt, auf eine wohlwollende Rezension hoffen dürfen? Oder Bücher aus den Bereichen Religion und Geschichte? Die werden oft recht spät von den jeweiligen Fachblättern wahrgenommen und sind dann lange schon aus den Regalen verschwunden. Da bleibt dann nur das Barsortiment. Gut für den Buchhändler, aber mies für den Verlag.
Ich streife weiter und bin bei den Klassikern und der allgemeinen Belletristik angekommen, als ich folgendes Gespräch „belauschen“ konnte. Eine recht betagte Dame unterhält sich angeregt mit der Buchhändlerin, die soweit ich das beurteilen kann, gerade mal ihre Ausbildung beendet haben könnte.
Dame: „Hach, das Buch habe ich verschlungen. So eine rührende und aufwühlende Geschichte so unterschiedlicher Menschen.“
Mädchen: „Ja, ich fand es auch ganz toll. Ich brauchte zwei Nächte, konnte es einfach nicht weglegen.“
Dame: „Ich hatte sofort Lust nach Barcelona zu fahren. Ich möchte mir am liebsten alle Orte ansehen und schauen, ob ich etwas entdecke, dass mich an dieses fantastische Buch erinnert. Hat dieser Autor noch etwas geschrieben?“
Junge Frau: „Oh ja! Auch das habe ich schon gelesen und bin immer noch ganz hin und weg. Ich zeige es Ihnen.“
Dame: „Oh Schatz, das ist so wunderbar. Ich hätte nicht gedacht, dass hier weiterhin so kompetentes Personal arbeitet nach dem Wechsel. Schön, dass ich mit Ihnen über die Bücher sprechen kann. Sonst hat ja niemand Zeit.“

Die beiden entfernten sich danach und die Buchhändlerin hat die Dame zum entsprechenden Regal gebracht. Jeder Buchhändler und Millionen Leser hätten natürlich sofort erkannt, welches Buch und welcher Autor Thema des Gespräches war und mir ging das Herz auf! Ich selbst habe die Romane von Carlos Ruiz Zafón verschlungen und war begeistert. Aber noch begeisterter war ich von diesem Gespräch. Der erhebliche Altersunterschied der beiden Frauen war nur die Kirsche auf dem Bananasplit meines Nachmittags in dieser wunderbaren Buchhandlung.
Wunderbar auch, dass trotz eines Inhaberwechsels immer noch Kollegen in dieser Buchhandlung arbeiten, die Ahnung haben von dem, was sie erzählen und wissen, was ihre Kunden mögen. Vielleicht war die Kollegin aber auch neu hinzugekommen durch den Inhaberwechsel und hat sich einfach anstecken lassen von diesem wunderbaren Beruf? Außerdem, wer kann schon aufhören, wenn man erstmal „seinen“ Autor oder „sein“ Genre oder „seine“ Reihe entdeckt hat? Jedenfalls niemand, den ich kenne. Neulich bat mich eine uralte Freundin, die beharrliche Lesegegnerin war, um eine Liste mit Büchern, die so seien wie die, mit denen sie das ganze Wochenende verbracht hatte. Zugegeben, es war Shades of Grey, aber jetzt sei sie süchtig. Dank der zahllosen Trittbrettautoren in dem Bereich ist mir die Liste leichtgefallen.

Ich wünsche allen einen schönes Wochenende, besucht mal eine Buchhandlung und sperrt die Ohren auf – vielleicht erlebt ihr auch einen Bananasplit mit Kirsche. Oder ihr besucht Sabine Kloskes Buchhändlerseite auf Facebook – ein bisschen Werbung sei mir hier gestattet – https://www.facebook.com/BuchhaendlerweltUndWahnsinn
Inzwischen haben sich hier über 3000 Buchhändler zusammengefunden und erzählen die irrsten und schönsten Anekdoten aus ihrem Alltag. Da findet man sicher viele Bananasplits mit Kirsche.

Ein Gastbeitrag von Miriam Schmidt, freie Kunsthistorikerin in Hamburg

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