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Nachwuchs in der Buchbranche 2: Ohne Geld und trotzdem glücklich

„Beim Lesen guter Bücher wächst die Seele empor.“ (Voltaire)

Nachdem ich im Beitrag vom 22. Februar darüber berichtet hatte, wie die Buchbranche mit ihrem Nachwuchs umgeht, will ich heute darüber schreiben, dass es sich in manchen, glücklichen Einzelfällen auch lohnen kann, ein monetär unbezahltes Praktikum zu machen. So war ich selbst ein halbes Jahr lang Praktikantin in meinem Traumverlag. Wobei ich zudem sagen kann, dass ich mir die Bücher, die mich selbst interessierten, auch mit nach Hause nehmen durfte. So gesehen also doch nicht ganz ohne Bezahlung.

Im Verlag arbeiten sonst weder Praktikanten noch Volontäre; einfach aus dem Umstand heraus, dass allen Kollegen völlig bewusst ist, wie vielerorts mit dem Nachwuchs verfahren wird und man hier niemanden als billige Arbeitskraft ausbeuten will. Wäre ich reich, würde ich liebend gern bis zum Sanktnimmerleinstag ohne Bezahlung für diesen Verlag arbeiten und die Kollegen unterstützen; einfach, weil das Unternehmen SO grandios ist mit seinen einzigartigen und superinteressanten Projekten.

Der Verlag ist ein vier-Personen-Betrieb, es werden nur jene Bücher verlegt, die man selbst auch für verlegenswert hält. Man betreibt keine Marktforschung, sondern hat Glückstreffer – und die kommen zum Glück immer wieder vor. Kleine, feine Bücher, die schon häufiger mit Buchpreisen ausgezeichnet wurden. Die „Setzerei“ sprüht vor Kreativität, lange Jahre Erfahrung sorgt neben fundierter Ausbildung und gutem Geschmack dafür, dass wunderbare Bücher entstehen. Bücher, die man gern in die Hand nimmt, bei denen nicht nur Fachleute genießen können, wie gut gemacht und wohlgefällig sie für des Lesers Auge sind. Darüber hinaus werden Themen aufbereitet, die man nur in diesem Verlag findet. Interessantes Nischenwissen über Kulturgeschichte, Gesellschaft, Kunst und Fotografie. Der Verlag existiert schon seit über 30 Jahren und ist eine feste, namhafte Größe innerhalb der Branche. Aber, wie so häufig, funktioniert die Arbeit nur mit dem allgegenwärtigen Idealismus und einer unerschütterlichen Liebe zum Buch und dem Vertrauen in die erstklassige Arbeit, die man leistet. Idealismus, der auch hier in die üblich scheinende Selbstausbeutung hinübergeht. Es gibt keine Vollzeitstellen (außer die des Chefs selbst, der sozusagen IMMER arbeitet), alle anderen arbeiten stundenreduziert und verdienen freiberuflich hinzu. Anders geht es nicht. Der Lohn ist der gute Ruf des Unternehmens und die Gewissheit, keinen Buchbrancheneinheitsbrei zu produzieren, sondern echte Perlen. Das sage ich auch als Buchhändlerin. Bücher dieser Art gibt es nicht bei allzu vielen Verlagen, die dann auch noch unabhängig arbeiten.

Wie bin ich nun dahin gekommen? Durch Vitamin B, was ja auch häufig Usus ist in der von uns so heißgeliebten Branche. Eine ehemalige Kollegin aus dem Buchhandel kennt eine der Grafikerinnen und hat für mich gesprochen; eine schriftliche Empfehlung meiner Uni-Dozentin hatte ich auch in der Bewerbungsmappe. Und da ich erstens schon Erfahrung in der Buchbranche hatte und zweitens auch ganz nett bin, durfte ich Praktikum machen. Flexibel sogar: an Tagen, an denen ich im Buchladen war und Geld verdienen konnte, war ich nicht im Verlag. An den anderen Tagen aber schon und ich muss sagen, dass ich für die Erfahrungen, die ich machen durfte und die Praxis im Lektorat unendlich dankbar bin. Ich habe ganz viel gelernt, weil sich alle Zeit genommen haben, eine Million von mir gestellte Fragen auch adäquat zu beantworten. Ich habe gesehen, wie Bücher entstehen, und bei einigen habe ich sogar aktiv daran teilgehabt, weil ich die Textdateien und später die Fahnen lektorieren durfte. Und da macht es doch auch die Erfahrung: anfangs wagt man sich noch nicht, dem Autor in Sprache und Stil hineinzureden, aber später vertraut man der Qualität der eigenen Arbeit und seinem eigenen Urteil und kann durchaus deutlich machen, warum man diesen oder jenen Satz nun angestrichen hat und da einen Verbesserungsvorschlag anbringen möchte.

Die Grafikabteilung hat mich quasi bei der Hand genommen und mir gezeigt, worauf man beim Satz achten muss, hat mir beigebracht, wie man Fotos für den Druck ideal bearbeitet und mir Tricks und Kniffe am PC gezeigt, die ich nun täglich einsetzen kann. In der Presseabteilung habe ich gelernt, mit einer Datenbank umzugehen und konnte mir abschauen, wie man Presseinfos formuliert und Klappen- und Vorschautexte schreibt. Ich durfte mit zur Buchmesse nach Frankfurt fahren und konnte Kontakt zu Autoren, Verlagen, anderen Lektoren und allerlei Branchenmenschen knüpfen. Und das Schönste: Der Verlag ist im Grunde wie eine Familie und so wurde ich auch aufgenommen. Herzlich, freundlich und total geduldig, weil ich ja neu war und was lernen wollte. Und das habe ich. Letzte Woche war ich auf einem Seminar und habe ganz deutlich gemerkt, wie viel ich nur durch dieses eine Praktikum dazu gelernt habe. Außerdem bin ich nun noch sicherer, dass ich mir trotz aller Widrigkeiten die richtige Branche ausgesucht habe.

Dieser Blogbeitrag soll also einerseits ein großes Dankeschön an meine Verlagskollegen sein – andererseits möchte ich allen Nachwuchskräften Mut machen. Ergreift die Chance, wenn sich Euch ein Praktikum bietet UND es ein Verlag ist, mit dem Ihr Euch identifizieren könnt. Handelt aus, was zeitlich möglich ist, wenn keine Bezahlung drin ist. 20 Stunden in der Woche in einem Verlag Praktikum machen und die restliche Zeit für „echtes Geld“ jobben zu gehen, ist eine realisierbare Möglichkeit. Jeder weiß, dass man von Ruhm und Ehre seine Miete nicht zahlen kann, deswegen solltet Ihr dankend ablehnen, wenn der Praktikumsanbieter Vollzeit erwartet und dafür nichts bezahlen will. Solche Leute kalkulieren mit dieser Unsitte, die sich im Medienbereich eingeschliffen hat und sollten keinesfalls willige Absolventen finden, die am Ende nichts bekommen, außer vielleicht einem schicken Namen auf dem Praktikumszeugnis. Verkauft Euch nicht unter Wert! Schaut vor allem nicht nur nach München und Berlin. Viele kleinere Verlage sind über die ganze Republik verteilt, machen schöne Bücher und nehmen Euch vielleicht auch in ein kleines Team auf. Hier könnt Ihr von der inneren Nähe profitieren und Erfahrungen sammeln, die unbezahlbar sind und die Euch niemand mehr nehmen kann.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr interessant. Ich habe ein unbezahltes Praktikum in einem Museum gemacht. Und da wird auch viel ausgenutzt, aber ich wurde bei diesem Praktikum wirklich super behandelt, durfte in andere Bereiche reinschnuppern, die mich interessierten, konnte kommen und gehen, wann ich will und bekam keine „Blödelarbeiten“, sondern wurde wie eine richtige Kollegin behandelt. Immerhin konnte ich schon einiges mitbringen, nicht (nur) durch mein Studium, sondern auch dank meiner kaufmännischen Ausbildung. Mein Praktikumszeugnis war richtig super. Leider ist das Museum pleite und konnte mir keine Stelle anbieten. Und ich habe Vollzeit unentgeltlich gearbeitet, aber da ich sowieso dafür woanders hinmusste, hätte ich so schnell keinen Nebenjob gefunden, war also ok so, ich konnte kostenlos bei Verwandten wohnen. Andere Praktikanten, die direkt aus dem Gebiet kamen (Die mussten in einer anderen Abteilung ein von der Uni vorgegebenes Praktikum machen, in meiner Abteilung gab es lange keine Praktikanten mehr.), durften auch Teilzeit machen, soweit ich weiß.
    Leider hat mir das Praktikum keine Stelle beschert, aber viele Erfahrungen.
    Übrigens finde ich es interessant, dass du Buchhändlerin bist. Ich bin ja schwer am Überlegen, was ich nun alternativ machen kann. Gerne nochmal eine Ausbildung, aber mich interessieren wieder mal nur Sachen, in die man nicht reinkommt. Buchhändler ist vermutlich auch sowas, wo man später nur superschwierig eine Stelle kriegt, oder?

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  2. Kommt drauf an, wo Du bist, denke ich. Viele meiner ehemaligen Kollegen haben auch eine Geisteswissenschaft studiert und dann umgeschult zum Beispiel. Als Quereinsteiger haben das auch ein paar gemacht. Ich persönlich würde nur ungern zu einer der großen Ketten gehen, aber ich habe vor Jahren mal Praktikum bei Osiander gemacht, deren Konzept mich wirklich überzeugt hat. Würde ich heute nochmals die Ausbildung zum Buchhändler machen, würde ich mich da bewerben. Die sind immer noch ein familiengeführtes Unternehmen und machen eine Filiale nach der anderen auf, obwohl alle anderen zumachen. Irgendetwas läuft da anders und richtig, so kommt’s mir jedenfalls vor. Das ist jetzt aber keine Werbung, sondern wirklich meine ehrliche Meinung.

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