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Nachwuchs in der Buchbranche: Für immer unbezahlt?

„Alles Große in unserer Welt geschieht nur, weil jemand mehr tut, als er muss.“ (Hermann Gmeiner)

Die Köpfe der wunderbaren Seite buchkarriere.de  setzen sich dafür ein, ein Karriereportal für den Buchbranchennachwuchs zu bieten, der es naturgemäß sehr schwer hat, innerhalb dieser Branche Fuß zu fassen. Die Seite hinterfragt auch kritisch, woran das System nun eigentlich krankt, wie man die Probleme lösen könnte und bezieht auf Facebook auch „das Publikum“ mit ein.

Folgendes berichtete mir eine gute Freundin. Ich habe sie gefragt, ob ich das für einen Blogeintrag nutzen darf, und ich durfte, wie man sieht, unter der Auflage, Namen von Firmen und Personen nicht zu nennen.

„Der Praktikums- und Volontariatswahnsinn innerhalb der Buchbranche hat inzwischen Methode. Meine traurige Erkenntnis ist, dass sich seitens der Verlage und Agenturen nichts ändern wird, weil WIR, der Nachwuchs, ZU engagiert sind und ZU gute Jobs machen, uns bis zur völligen Selbstaufgabe ausbeuten lassen, in der vagen Hoffnung, dass irgendwann aus dem x-ten Praktikum ein Volontariat wird, in dem wir uns dann noch mehr anstrengen, weil wir uns eine Festanstellung erhoffen, um endlich, nach Jahren, mal halbwegs ausreichend Geld zu verdienen, damit Eltern, Großeltern, Partner nicht immer weiter dafür Sorge tragen müssen, unseren Lebensunterhalt mit zu finanzieren.

In meinem Fall habe ich viele Seiten der Buchbranche gesehen: Buchhandel, Verlage und PR-Agentur.

Schon während der Schulzeit und mein ganzes Studium hindurch arbeitete ich in einer großen Buchhandlung (kein Filialist) und sah die Azubis kommen und gehen. In den fast sieben Jahren, die ich dort war, ist kein einziger übernommen worden, obwohl die ein oder andere Stelle durchaus frei wurde. Diese Stellen wurden einfach nicht neu besetzt. Die restlichen Buchhändler mussten sich eben sprichwörtlich zerreißen und wenn die Löcher zu groß wurden, kam eine neue studentische Aushilfe, die für sechs Euro in der Stunde arbeitete. Ich hatte noch Glück, weil ich länger da war; ich bekam acht, durfte aber – unter Androhung der Kündigung – keiner anderen Aushilfe erzählen, dass ich zwei Euro mehr bekam. Aus Angst, meinen Job zu verlieren, habe ich die Klappe gehalten. Das bereue ich bis heute! Im Grunde hätte ich einen Aufstand machen sollen, denn nur so bewegt sich was. Die Streiks des Öffentlichen Dienstes oder meinethalben auch der Lufthansa beweisen das doch. Lächerliche zwei oder drei Prozent Lohnerhöhung, aber immerhin!

Ich habe Germanistik studiert und mit Bestnoten abgeschlossen und wollte und will immer noch unbedingt in einem Verlag oder einer Agentur arbeiten. Gern in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ich will teilhaben am Literaturleben, ich liebe diese Branche; ich bin eben auch eine Idealistin!

Während des Studiums konnte ich keine Praktika in Verlagen machen, da ich Geld verdienen musste, also blieb ich immer in meiner Buchhandlung. Nach dem Abschluss ging es dann los: zwei sechsmonatige Praktika (beide während des ersten Monats unbezahlt, ab dem zweiten Monat gab es dann beim ersten Verlag 250 und beim zweiten 300 Euro) mit sehr guten Arbeitszeugnissen, die ich selbst schreiben musste oder durfte, es kommt darauf an, wie man das bewertet. Mein Glück waren meine Eltern, die mir Umzug und Wohnung in Süddeutschland finanzierten. Und auch den in die Hauptstadt: ich stellte mich bei der PR-Agentur (betreut namhafte Verlage bei der Öffentlichkeitsarbeit) in Eigeninitiative und einem Empfehlungsanruf vom Chef der PR-Abteilung einer der Verlage vor; ich wollte ein Volontariat, da ich dachte, mit der gemachten Erfahrung, dem sehr guten Studium – jung bin ich ja mit Mitte 20 auch noch – hätte ich mir das doch auch verdient?!

Das Gespräch lief gut. „Volontariat gern, aber bei uns ist es üblich, dass die angehenden Volontäre erst sechs bis acht Wochen Praktikum machen, um die Arbeit und das Team näher kennenzulernen, man muss ja warm werden, nicht wahr, oder auch feststellen, dass die Arbeit nichts für einen ist.“ Natürlich… zwei Monate unbezahlte Arbeitskraft wollen die, das weiß ich auch. Denn ich weiß ja schon längst, „dass die Arbeit was für mich ist“. Ich habe zugesagt. Was sollte ich auch sonst tun?

Mittlerweile bin ich vier Wochen dabei und habe festgestellt, dass die Agentur fast nur aus Volontärinnen und Praktikanten besteht. Es gibt eine Vollzeitkraft und eine halbe Stelle, aber fünf Volontäre und drei Praktikanten. Das funktioniert nur, weil die alle wahnsinnig engagiert sind, sie machen alle Überstunden und leben für ihre Arbeit. Die wollen alle das gleiche wie ich, geben sich größte Mühe und machen wirklich einen guten Job, wovon die Agentur profitiert. Alle erhoffen sie sich eine Festanstellung nach dem Volontariat, obwohl sie wissen, dass sie gehen müssen. Der Chef macht keinen Hehl aus dem Umstand, dass jede Volontärsstelle immer eine bleiben wird. Er schreibt sich die „gute Ausbildung“ auf die Fahne, die wir dann alle mal haben. Sprich: die Agentur läuft super mit einer Menge an günstigen Arbeitskräften und das wird auch so bleiben, denn alle neuen sind ebenso engagiert und fähig wie jene, die eine Stelle gerade freigemacht haben. Eine meiner Kolleginnen im Volontariat ist bald fertig und wird dann für zwei Monate übernommen. Eigentlich ein Grund zur Freude, aber: keineswegs Vollzeit. Sie wird ihre Arbeit natürlich in Vollzeit weiterhin sehr gut machen wie eben jetzt schon, bezahlt wird sie dann aber nur für eine halbe Stelle. Und wenn die zwei Monate um sind, MUSS sie gehen, weil dann die neue Volontärin kommt.

Eine weitere wahre Geschichte, diesmal aus dem Lektorat eines großen Hauses in München: Zuerst monatelanges, klein bezahltes Praktikum, dann das Volontariat. Glück gehabt. Es kommt noch besser, denn danach gab es sogar eine Festanstellung mit einem lustigen Titel und die Chefin musste auf der Buchmesse vertreten werden, weil sie erkrankt war. Da treffe ich meine Bekannte auch und sie erzählt mir, dass sie körperlich völlig fertig sei, weil sie seit vier Tagen von morgens um vier bis abends gegen 23 Uhr auf den Beinen ist, Termine wahrnimmt und shake hands mit Branchen-VIP’s und Autoren macht. An diesem Morgen hat sie geheult, als der Wecker geklingelt hat. Ich habe sie dann gefragt, wie es mit ihrer Stelle so ist und ob sich das alles irgendwie lohnt. Die Antwort ernüchterte mich. Das alles „lohnt“ sich nur, weil sie im Grunde ihres Herzens auch den Branchenidealismus trägt, der das alles erst möglich macht. Sie arbeitet Vollzeit für 1200 Euro brutto. In München! Ich überlasse den Lesern, sich an dieser Stelle auszumalen, wie das funktionieren kann und wie schlecht dann erst das Volontariat bezahlt wurde.

Das ist eine Frechheit. Alle regen sich über die Leiharbeiter bei Amazon auf, was ja auch richtig ist, aber es gibt noch eine Million andere Stellen, die des Aufregens wert sind und alle haben was mit Büchern zu tun…

Der Haken für uns Nachwuchskräfte: WIR geben unsere Arbeitskraft zu günstig preis, unsere Fähigkeiten verkaufen wir zu Dumpinglöhnen, jagen falschen Hoffnungen nach. WIR sorgen dafür, dass der Laden läuft und WIR lassen die Ausbeutung zu! Im Grunde sollten keine Ausschreibungen für Praktika oder Volontariate überhaupt publik gemacht werden, es sollte sich niemand mehr darauf bewerben, um zu signalisieren, dass es uns reicht!

Ich glaube, nur so könnte die Branche zum Umdenken gebracht werden, nur so würde sich was ändern. Was machen denn Verlag oder Agentur, wenn ein Praktikum oder ein Volontariat ausgeschrieben wird, auf das sich niemand bewirbt? Die Arbeit ist doch trotzdem da.

Alle, die Volontariate anbieten, sollten verpflichtet sein, die Volontäre im Anschluss entweder für mindestens sechs Monate oder besser noch ein Jahr fest anzustellen oder dafür Sorge tragen, dass diese andernorts – und ich meine gleichwertig! – eine Stellung für die gleiche Zeit bekommen.

Natürlich weiß ich, dass beide Ansätze Utopie sind. Was bleibt uns denn? Nur die Resignation?“

Mit dieser Frage lässt sie uns zurück, auch mich. Was ist die Alternative?

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Als arbeitssuchende Geisteswissenschaftlerin interessiert mich die Buchbranche auch, aber die Chancen, da was zu finden, von dem man leben kann, sind ja gleich 0. Man findet fast ausnahmslos Anzeigen für Praktika oder Volontariate. Davon das meiste in München, wo die Lebenshaltungskosten horrend hoch sind.
    Übrigens hat nicht jeder, wie zitiert, Eltern, Großeltern oder Partner, die ihnen einfach noch die fehlenden Hunnis zuschießen. Davon wird irgendwie immer ausgegangen, aber das stimmt einfach nicht, es gibt Leute, die keine weiteren Geldquellen haben als das, was sie selbst verdienen. Diesen Leuten ist es noch nichtmal möglich, Praktika zu machen, um Berufserfahrungen zu bekommen, die sie dringend brauchen, um eine Arbeit zu kriegen. Selbst, wenn man Geld vom Arbeitsamt bezieht, fällt dieses meines Wissens weg bei einem Praktikum, weil man dann ja arbeitet… (So zumindest die Aussage von einem Jobberater, ich bin nicht gemeldet.) Bald sind wir so weit, dass man sich das Arbeiten langsam nicht mehr leisten kann… Diese Thematik macht mich irre wütend!

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    • Wir beide sind offenbar nicht allein mit unserer Wut darüber. Ich würde gern mal der Frage nachgehen, wann und bei wem das wohl angefangen hat. Mittlerweile sieht man diese Entwicklung ja leider nicht nur innerhalb der Buchbranche, sondern überall, wo groß „Kultur“ geschrieben steht, bei der Bildungsvermittlung, im sozialen Bereich. Die Liste scheint endlos.
      Was kann man denn jungen Leuten noch raten? „Bloß keine Geistes- oder Sozialwissenschaften studieren, das bedeutet schlecht bezahlte oder gar keine Arbeit.“ Was wäre das denn für eine Gesellschaft aus Automatenmenschen? Oder sind wir das etwa schon?

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    • Wenn der Bereich so besch… bezahlt wird und anscheinend es trotzdem genug Leute gibt, dann ist es doch nur sinnvoll vom Arbeitsamt, da nicht noch mehr Leute hineinzusteuern, oder verstehe ich da etwas falsch?

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      • Geisteswissenschaftlerinaufjobsuche
      • 12.03.13

      Also als Hartz 4 Empfänger ist es möglich Praktika oder Volontariate zu machen, wenn wenigstens ein bisschen Geld bezahlt wird. Ich habe selbst während meines Volontariates in einem bekannten Wissenschaftsverlag Hartz 4 Aufstockung erhalten, damit mein Kind und ich was im Kühlschrank hatten. Eine Schande! Ich muss wirklich zustimmen, diese Branche darf nicht über Amazon urteilen! Ungeniert lassen sie sich so vom Staat ihre hochqualifizierten Mitarbeiter finanzieren.

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  2. in der Tat kalkuliert die Kulturbranche mit dem Idealismus als Tauschwert. Gerade Frauen scheinen für diese Währung besonders anfällig zu sein. An dieser Stelle möchte ich gerne auf die von den BücherFrauen in Auftrag gegebene Studie von 2010 verweisen – da lässt sich Hintergrund dazu nachlesen. Hier der link zu einer Zusammenfassung http://www.buecherfrauen.de/uploads/media/20110314buecherfrauen_studienpraesentation_final.pdf
    Solidarisieren mag helfen – wie Buchkarriere das tut. Aber auch die http://www.buecherfrauen.de können ein interessantes Forum sein.

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  3. Danke für den Bericht. Auch wenn ich – ganz ehrlich – eins noch immer nicht verstehe: Warum machen die lieben Praktikanten das eigentlich alles mit? Wenn’s eh nicht bezahlt wird, ist doch *alles* andere besser und liefert ebenfalls Erfahrungen, um die es wohl geht.

    Spätestens nach dem Satz „Der Chef macht keinen Hehl aus dem Umstand, dass jede Volontärsstelle immer eine bleiben wird.“ denkt sich der (offenbar) naive Leser: Das Dilemma liegt nicht beim Volontariatsanbieter sondern eher beim Volontär. Denn was soll ersterer denn sonst machen, als all die sich kostenlos anbietenden Jungexperten mit Kusshand anzunehmen?

    Warum macht man das als intelligenter Jungabsolvent? Wiederholt sogar?

    Ich bin ein wenig verwirrt, ganz ehrlich.

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    • Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte. Im Grunde hast Du natürlich recht; gerade heute wieder habe ich gedacht, dass der Nachwuchs zum größten Teil selbst schuld hat, wenn am laufenden Meter das Telefon klingelt und die Absolventen nach Praktika fragen. Die Chefin kann sich wirklich die Rosinen aus dem Kuchen picken, die dann alle umsonst arbeiten. Nach einer bezahlten Stelle hat keiner auch nur gefragt. Mittlerweile scheint man sich geradezu daran gewöhnt zu haben, dass erste Arbeitserfahrungen nur unbezahlt gemacht werden können.

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    • Das Problem ist: Keine Erfahrung, kein Job. Kein Job, keine Erfahrung. Ohne Erfahrung wird man idR für bezahlte Jobs nicht eingestellt. Bzw. ist das wie ein 6er im Lotto und genauso selten… Bleibt also nur das unbezahlte Arbeiten über Praktika oder Ehrenämter. Viele sind verzweifelt, und viele kriegen von Eltern oder anderen Leuten den Lebensunterhalt finanziert, so dass sie sich so etwas auch leisten können. Deshalb gibt es auch immer genügend Bewerber.

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  4. Als ausgebildete Sortimentsbuchhändlerin kann ich das alles nur unterschreiben. Branchenlohn minimalst (noch unter Tarif), keine Chancen auf Übernahme nach der Ausbildung (trotz super Schnitt) und große Ketten sind an einem nicht interessiert. Wenn überhaupt übernimmt man nur aus den eigenen Rängen.

    Hatte ich schön die zusätzlich total Familienunfreundlichen Arbeitszeiten erwähnt, sollte man es trotzdem wagen eine solche zu gründen?

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