Suche
Suche Menü

Nachwuchs in der Buchbranche 3: Traumberuf Buchhändler?

„Die Buchhändler sind alle des Teufels, für sie muss es eine eigene Hölle geben.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

In einem Kommentar zu meinem vorherigen Beitrag ging es um den Beruf des Buchhändlers. Ob man da heute gute Chancen habe, eine Stelle zu bekommen. Kann ich nur verneinen, leider. Den Buchhandel quälen Nachwuchssorgen. Und das m. E. nicht zu Unrecht – die Gehälter sind eher mau, die Aufstiegschancen auch und die Arbeitszeiten sind ebenfalls nicht besonders attraktiv, da die sich dem allgemeinen Einzelhandel anpassen. In größeren Städten unter der Woche geöffnet bis 20 Uhr und bis 18 oder 19 Uhr am Samstag, plus immer häufiger werdende verkaufsoffene Sonntage. Alles nicht besonders förderlich für Familien- und/oder Privatleben. Die Azubis werden in den wenigsten Fällen nach der Lehre übernommen. In meinem Fall hatte ich Riesenglück, weil eine Kollegin ging, als ich auf das Ende der Ausbildung zuging. Ich bin damals sofort zum Chef gerannt und habe gesagt, dass ich Interesse an der Stelle habe. So hat er mich behalten und ich hatte eine eigene Abteilung.  Hört sich gut an, war auch eine super Stelle, aber einfach derart lausig bezahlt, dass ich nach 3 Jahren dachte: „Soll das jetzt alles gewesen sein?“ Der Chef trat aus den Tarifverträgen aus und hat nicht mal mehr die tariflichen Lohnerhöhungen bezahlt, das Gehalt trat auf der Stelle. in Zahlen bedeutet das 1600,- brutto, Vollzeit, 6-Tage-Woche. Bei Lohnsteuerklasse 1 waren das ganz knapp über 1000,- netto. Davon kann man kein besonders üppiges Leben führen und schon gar nichts groß „für später“ ansparen oder auch nur für den Jahresurlaub. Nach wie vor werden Männer im Buchhandel besser bezahlt als Frauen, aber ich wage zu bezweifeln, dass sich mit Gehältern in der Kategorie so ohne weiteres Familien finanzieren lassen. Mir fiel es daher relativ leicht, mich fürs Studium und damit für eine halbe Stelle als Springer in allen Abteilungen zu entscheiden.

Heute bin ich daher nur noch stundenweise im Buchladen, aber dafür in einer Kleinstadt, was Arbeitszeiten mit sich bringt, die kein Problem sind. Zum Beispiel am Samstag bis 13 Uhr. Wenn ich samstags einspringe, schaue ich um halb 12 das erste Mal auf die Uhr und erschrecke, weil die Zeit wie im Flug vergangen ist. Kette und/oder Großstadt kommt für mich nicht infrage. Ich will weder für dieses Gehalt, noch zu diesen Arbeitszeiten Buchhändler sein. Außerdem finde ich die Methoden der großen Filialisten fragwürdig, das hat nichts mehr mit dem zu tun, was ich unter meinem Beruf verstehe.

Zudem ist der Beruf des Buchhändlers in der Gesellschaft alles andere als angesehen. Buchhändler bedeutet Einzelhandel, das wiederum ist in den Köpfen der Menschen gleichgesetzt mit jeder anderen Verkaufstätigkeit in einem x-beliebigen Laden. Ich spreche da aus Erfahrung. Die wenigsten Menschen wissen, dass man als Buchhändler eine sehr fundierte Ausbildung absolviert und allein schon wegen des zu verkaufenden Produkts naturgemäß „ordentlich was auf dem Kasten“ haben muss. In der Allensbacher Berufsprestige-Skala von 2011 (siehe Grafik) rangiert der Beruf Buchhändler mit gerade mal 6% gleichauf mit Politikern und noch hinter den Offizieren, die immerhin 9% abbekommen. Bis hierhin die schlechten Nachrichten!

Ich verrate Euch, warum ich trotzdem jungen Leuten raten würde, eine Ausbildung im Buchhandel zu machen. Wenn man danach nicht übernommen wird und keine Stelle findet, kann man immer noch studieren und damit (hoffentlich) seine Chancen erhöhen. Aber die Berufserfahrung und die Ausbildung nimmt einem keiner mehr weg, darauf kann man immer zurückgreifen, denn eine kaufmännische Lehre ist für viele Berufe von Vorteil.

Man durchläuft alle Abteilungen, muss immer tagesaktuell informiert sein, was die Gesellschaft gerade beschäftigt, welche Titel in den Feuilletons rezensiert werden, welche Promis gerade ihren Sermon breitwälzen, wer in den angesagten Talkshows sitzt, was Scheck, Ranicki, Heidenreich und Konsorten empfehlen und vieles mehr… Und natürlich lesen, lesen, lesen – aber nicht schön gemütlich im Buchladen hinterm Schreibtisch sitzend, keineswegs! Buchhandel bedeutet Action, zu tun ist immer was! Lesen ist also des Buchhändlers liebste Freizeitbeschäftigung, natürlich. Denn die Kunden, die in den Laden kommen, heutzutage, wo Amazon nur einen Klick entfernt ist, die wollen das, was nur der Buchhändler kann: kompetente Beratung, fundiertes Wissen, Hintergrundinformationen. Mit einem Wort: AHNUNG!

Diese Tätigkeit schult also nicht nur die Allgemeinbildung (besonders, wenn man in einer Buchhandlung arbeitet, die neben Belletristik auch eine Wissenschaftsabteilung hat), es schult auch die eigene Charakterbildung und das, was man unter „Soft Skills“ verbuchen kann, die emotionale Intelligenz, wenn man so will. Hier kommt man mit Menschen aller Couleur zusammen, man ist immer präsent, man kann sich nicht verstecken. Auch nicht, wenn man jemanden nicht leiden kann, wenn einer generell doof ist oder Leute im Dezember ihren ganzen Weihnachtsfrust über einem auskippen, weil das Personal im anderen Laden unfreundlich war. Die Menschen schimpfen, meckern, beschweren sich, reklamieren, wollen komplizierteste Titel, die detektivische Bibliographie-Arbeit voraussetzen, werfen einem nur Titel-Bruchstücke zu und die dann auch noch falsch, suchen Bücher in einer bestimmten Farbe, damit sie zum Mobiliar passen, belästigen einen mit seltsamen politischen Weltanschauungen, wahlweise auch mit esoterischen Erkenntnissen oder damit, dass man „dringend mal Eigenurin probieren sollte, weil nur das die Menschen wirklich gesund macht.“ Und der Buchhändler? Er lächelt und hilft weiter, immer freundlich, immer mit Engelsgeduld.

Und warum? Weil Buchhändler sein einer der schönsten Berufe der Welt ist!

Denn neben all den verrückten Spinnern, die es überall  gibt und die für die herrlichsten Stilblüten sorgen, gibt es eben auch die Menschen, die einen schon glücklich machen, wenn sie nur durch die Tür kommen. Der Buchhändler weiß, jetzt kommt ein gutes Gespräch und ein guter Verkauf zustande, man tauscht sich aus, lernt voneinander, wünscht sich ernstgemeint einen schönen Tag, bekommt Sachen gesagt wie: „Ich bin SO froh, dass es Ihre Buchhandlung gibt, ohne Sie wär‘ ich jetzt aufgeschmissen gewesen.“ Studenten, die glücklich sind, wenn man ihnen gerade beim Studienanfang zur Orientierung verhilft, wenn man sagen kann: „Kein Grund zur Aufregung, den und den Titel brauchst du sofort, den dritten brauchst du erst im nächsten Semester.“ Das sind dann nämlich die Studenten, die garantiert wiederkommen, weil sie sich gut beraten und aufgehoben fühlen und nicht über den Tisch gezogen. Natürlich auch die Momente, wo der Kunde einen lobt, dass man DEN Tipp für ihn hatte, weil man beim Literaturgeschmack auf einer Wellenlänge liegt und geradezu verschwörerisch die Bücher verkauft, die nicht ohnehin auch an jeder Tankstelle zu haben sind.

Buchhändler bedeutet auch, zumindest in meinen Fällen, ein tolles Kollegenteam, was Gold wert ist. Man geht nämlich zusammen durch dick und dünn, hält die Gewitter aus der Chefetage aus oder auch die von vor dem Verkaufstresen. In Stoßzeiten, zum Beispiel an Weihnachten, arbeitet man eng zusammen, rennt im Schweinsgalopp den ganzen Tag durch den Laden, Pause fällt ganz oder nur ganz kurz aus, lacht aber auch viel, miteinander und mit den Kunden. Denn die spüren, wenn einen der Beruf erfüllt, wenn man glücklich ist mit dem, was man da tut. Und abends kriecht man dann geschafft, aber glücklich aus dem Laden und fällt vor Erschöpfung ins Koma, um am nächsten Tag mit genauso viel Elan weiterzumachen. Buchhandel heißt darüber hinaus, dass man wahnsinnig netten Kontakt mit den Verlagen hat, mit dem Vertrieb am Telefon, mit dem Außendienst, mit der Veranstaltungsabteilung. Alles Leute aus der gleichen Branche, die DAS BUCH, unser schönstes und wichtigstes Kulturgut verkaufen wollen, die wollen, dass Titel XY gelesen wird, weil man findet, dass die Welt sich nicht weiterdrehen kann, wenn nicht alle dieses Buch kennen. Man vergisst nur allzu leicht, dass auch Buchhändler Bestseller machen. Dafür gibt es dann Leseexemplare für die Buchhändlerzunft und die Verlage sind immer noch großzügig, auch in Ebook-Zeiten, zumindest ist das mein Eindruck. Gerade die Azubis werden da beglückt, weil ja jeder weiß, dass man in der Ausbildung erst recht kein Geld hat. In meiner Ausbildung habe ich jedes Leseexemplar bekommen, das ich angefordert habe. Zugegeben, das ist schon über 10 Jahre her, trotzdem hier nochmals Danke an dieser Stelle. Die Ausbildung bringt noch etwas mit, was sie einzigartig macht und zwar einzigartig schön. Zweimal 9 Wochen Berufsschule am Stück an der Buchhändlerschule in Frankfurt Seckbach, jetzt Mediacampus Frankfurt. Das war die schönste Zeit in meiner Lehre. Es kostet was, aber das lohnt sich. Die Dozenten sind absolut kompetent und immer für Fragen und alles erreichbar, die Schule ist wirklich schön, die Angestellten supernett. Es gab abends ganz häufig Veranstaltungen aller Art (Lesungen, Vorträge, Theater oder einfach mal ein „Bergfest“, wenn die Hälfte des Kurses vorbei war), es gab AGs zur Warenpräsentation oder auch zu Comics und Graphic Novels etc. etc. Und das alles, wie gesagt, vor über 10 Jahren. Da hat sich bestimmt einiges getan, was es heute noch besser macht. Tägliches Erleben im Laden und Schulausbildung gehen perfekt Hand in Hand und nach drei Jahren Lehre merkt man, wie erwachsen man geworden ist, wie viel man gelernt hat und was man alles schon bewältigt hat. Da kann man ganz anders auftreten, ganz sicher. Deswegen: nach der Schule unbedingt eine Ausbildung machen! Nicht zu vergessen sind auch die Momente im Laden, wo man sich schon beim Vorschauen durchblättern aufs nächste Frühlings- oder Herbstprogramm freut oder wenn man dann im Sortiment echte Perlen entdeckt, literarische und die, die einfach wunderschön gemacht und allein deshalb schon des Besitzes wert sind.

Ich bin also immer noch eine enthusiastische Buchhändlerin und ich liebe meinen Beruf. Schön wäre, wenn so eine Mega-Kampagne wie „Vorsicht Buch!“ mal zur Imagepflege des Buchhändlerberufs ins Leben gerufen würde. Aber vielleicht hat mein Text ja trotz aller Widrigkeiten ein bisschen dazu beigetragen.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen interessanten und ehrlichen Einblick in diesen Beruf! Das ist wohl die ausführlichste Antwort, die ich mir wünschen könnte. 🙂 Dann ist diese Ausbildung leider nichts für mich. Komplettes Studium habe ich schon, kaufmännische Ausbildung auch. Und bringt mir trotzdem keine Stelle. Eine weitere Ausbildung, nach der ich wieder auf der Straße stehe, ist deshalb also absolutes No-Go. Mit 31 hab ich auch langsam keine Lust mehr, jeden Cent umdrehen zu müssen. Ich glaube, die Buchbranche ist auch so ein Wunscharbeitsgebiet, das ich abhaken muss. Zu schade, dass ich keine Begabung für Maschinenbau oder Informatik habe.

    Antworten

  2. Hallo Despicable_Me,
    welchen Engpass gibt es zurzeit in der Buchbranche? Für wen willst Du in Zukunft arbeiten? Für einen Buchladen? Für einen Leser? Für einen Einkäufer?
    Wo drückt Ihnen beim Thema Buch so richtig der Schuh?
    Und kannst Du diesen Bedarf mit einer Deiner Fähigkeiten füllen?
    Wenn ja, dann: GO FOR IT.

    Antworten

  3. Interessanter, lesenswerter und ausführlicher Artikel. Ich selbst habe die Ausbildung absolviert und zuvor (ja manche machens andersrum) ein Bachelorstudium abgeschlossen, mit dem ich damals nicht so wirklich Fuß fassen konnte. Ich weine dem Buchhandel nicht hinterher – natürlich ist die Ausbildung interessant und das Medium Buch nach wie vor eines meiner Liebsten. Aber Arbeitszeiten, Gehalt, Aufstiegschancen,befristete Verträge und in meinem Fall vor allem das Agieren auf einer Art Bühne (namens Ladenfläche) haben mich Aufatmen lassen, als es endlich vorbei war.

    Dennoch denke ich, dass mir die Ausbildung für meinen weiteren Lebensweg geholfen hat – ich konnte erste Praxiserfahrung sammeln (auch wenn das rein formell ja nicht so gewertet wird), meine Nerven sind mittlerweile fast aus Stahl und ich habe danach übergangslos einen Job in einem studiennahen Bereich fernab von den Büchern gefunden. Mir hat die Ausbildung auch immerhin eines ganz deutlich vor Augen geführt – in welcher Branche ich nicht bis zur Rente bleiben möchte.

    Ich verstehe halt das paradox nicht – einerseits wird über Nachwuchsmangel gejammert, andererseits wünscht man sich Abiturienten als Azubis oder noch besser Studienabbrecher, die dann, v.a. in den großen Ketten, nicht viel mehr machen, als das was auch ein Verkäufer oder sogar ein Angelernter kann, der gerne liest und regelmäßig die Presse verfolgt – mit großer Sortimentsgestaltung, Einkaufsplanung, buchhalterischen Geschick u.ä. ist es zumindest dort ja nicht mehr weit her. Ich denke das kommt alles irgendwann zurück…also was jetzt versäumt wird.

    Antworten

  4. Schöner Text !
    Ich bilde eigentlich immer aus, leider finden sich in letzter Zeit kaum noch Leute die Buchhändler werden wollen, dehalb sind meine Azubis hauptsächlich Kfm im EH. Schade eigentlich. Als kleine Ergänzung möchte ich noch sagen, dass alle meine Azubis nach der Aubildung gute Jobs gefunden haben. Wir sind eine kleine Buchhandlung mit PBS Sortiment und egal was für eine Ausbildung man macht, man lernt alle Bereiche zu 100% kennen. Das ist bei eigentlich allen Arbeitgebern gerne gesehen, da man so äußerst flexibel ist.

    Antworten

  5. Guten Tag,
    Obwohl ich hier wohl gute zwei Jahre zu spät komme: Ich finde den Text super und informativ für alle, die sich dafür interessieren!
    Ich mache bald mein Abitur und überlege zur Zeit viel, ob ich den überhaupt studieren möchte. In der Grundschule wollte ich immer Lektorin werden, hauptsächlich weil ich dann die ganzen neuen Bücher schnell lesen könnte. Daran sieht man mal, wie sehr mich das Warten auf den nächsten Harry-Potter-Band in der Kindheit geprägt hat, haha.
    Das Berufsfeld interessiert mich allerdings immer noch, zumal ich bei dieser Ausbildung sogar auf zwei Jahre verkürzen könnte. Ich würde wirklich gern eine Ausbildung im Buchhandel machen, die Bedingungen schrecken mich aber noch etwas ab..

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: