Suche
Suche Menü

“Where there is no son, there is no future.” – Mann-Frauen in Afghanistan und Albanien

Ein Thema so weit weg von uns, wie man es sich nur denken kann. Ein Thema, das trotzdem immer näher kommt.

In den letzten Monaten ist mir das Thema nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Als erstes tauchte es kurz vor der Leipziger Buchmesse in der ZEIT-Beilage Literatur auf. Dann im April in einem Beitrag der ARD und jetzt bald wieder in einer Ausstellung in Hamburg. Geografisch begrenzt auf zwei Länder. Ich bin mir aber sicher, dass dieses Phänomen sich auch in anderen Ländern abspielt. Vielleicht noch unbemerkt?
In Albanien sind es die Mann-Frauen. In Afghanistan die bacha poshs. Mädchen und Frauen, die entweder dazu gezwungen werden, sich als Junge bzw. Mann zu geben oder das freiwillig tun.

In dem Artikel der ZEIT-Beilage zur Buchmesse im März diesen Jahres wird das Sachbuch Afghanistans verbotene Töchter vorgestellt.AfghanistansverborgeneToechter

Die schwedische Autorin Jenny Nordberg ist investigative Journalistin und arbeitet für die New York Times und renommierte Radio- und Fernsehsender. Außerdem wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Pulitzerpreis für Reportage. Susanne Mayer fasst das Sachbuch in der Beilage auf sechs Seiten zusammen und erläutert, wie Mädchen in Afghanistan zu Jungen werden.
„Man nennt sie bacha posh – als Junge gekleidet. Es ist so etwas wie ein drittes Geschlecht, das nur für eine kurze Lebensspanne existiert. Im Paschtu-Dialekt heißen diese Kinder alakaana, findet Jenny Nordberg heraus, und die Reporterin folgert messerscharf, dass es also viele Kinder geben muss, wenn es sich lohnt, für sie ein Wort zu haben.“ Mädchen, die also wohl erkannt, auf der Straße spielen, lachen, Fahrrad fahren und einkaufen gehen können. Alles, was deren Mütter und Schwestern, ohne eine männliche Begleitung, nicht tun können. Im Beitrag des Weltspiegels wird der Alltag eines solchen Mädchens begleitet. Morgens versteckt Fatima ihre langen, dunklen Haare unter einer großen Mütze, trägt weite Kleider und kann allein auf die Straße. Im Interview mit anderen Kindern wird bestätigt, dass alle wissen, das „er“ ein Mädchen ist und es wird toleriert, sogar akzeptiert. „Er“ ist kein Außenseiter, sondern wird integriert.
Für Schwestern, wie Benafsha und Beheshta, aus dem Buch von Nordberg, ist es gut eine kleine Schwester zu haben, die als Junge erzogen wird. Sie dürfen mit ihm raus und sich fast selbstständig bewegen. Die Geschlechtertrennung in Afghanistan hat also Lücken. Dennoch ist das Urteil über Frauen schnell gefällt. Sie werden gemieden und verachtet, wenn sie keine männlichen Nachkommen produzieren. Aber auch die Väter stehen unter einem besonderen Druck. Sie schämen sich für ihre weibliche Nachkommenschaft. Also was tun? Im ARD-Beitrag wird Fatima kurzerhand ein Junge, weil der Vater sich gegenüber den anderen Familien schämt. Und das ist für sie in Ordnung, sie freut sich darauf zu studieren und Ingenieur zu werden – ein Traum, der für ihre Schwestern nie in Erfüllung gehen wird.
Nicht jedes bacha posh kommt mit solch einer Umstellung klar. Viele Mädchen sind eingesperrt in dieser sozio-kulturellen Maschinerie und würden gern einfach Mädchen sein – obwohl es so viel schwerer ist. Diese Kehrseite wird natürlich auch im Buch von Nordberg behandelt.

Etwas anders stellt es sich in Albanien dar. Die kroatische Fotografin Pepa Hristova ist durch die Dörfer der nördlichen Gebirge Albaniens gezogen und hat sogenannte Burrnesha, Mann-Frauen, fotografiert. In der Serie sworn virgins porträtiert sie dabei Frauen, die ihr Leben lang als Männer erzogen und aufgewachsen sind, weil es kein männliches Oberhaupt in der Familie gab. Dieser gesellschaftliche Konsens hat im Mittelalter seine Wurzeln und wurde bis heute nicht abgelegt. Allerdings muss die Frau, wenn sie das Privileg des Mann-Seins ausschöpfen will, einen Eid ablegen, der beinhaltet ihre Jungfräulichkeit für den Rest ihres Lebens zu bewahren.
Dieser Ritus kann beim Tod des Vaters oder Bruders in Kraft treten, auch wenn die Tochter/Schwester bereits als Mädchen erzogen wurde. Es kommt aber auch vor, dass Mädchen bereits ab der Geburt als Jungen angesehen und behandelt werden, wenn klar ist, dass die Familie keine weiteren männlichen Vertreter hat.
Die Burrnesha genießen nicht nur den Status innerhalb der Gesellschaft, sondern verrichten dieselbe körperliche Arbeit wie ein Mann, tragen dieselbe Verantwortung, kleiden und verhalten sich wie Männer. Sie sind Männer im sozialen Sinne, aber nicht in sexueller Hinsicht.
Wenn man sich nun die Fotografien von Hristova anschaut mit diesem Wissen, bekommt man einen Schreck: An den Personen erkennt man nichts Weibliches mehr. Gerade bei den Älteren denkt man „Das ist doch ein Mann!“ Aber wenn man genauer hinschaut und auch bestimmte Posen näher betrachtet, tritt ein wenig Weiblichkeit hervor, wo eigentlich keine mehr ist. Eine so starke Wandlung hätte ich nicht erwartet. Ohne hormonelle Behandlung oder Ähnliches können Frauen zu Männern werden. Natürlich nicht biologisch, aber allein durch den gesellschaftlichen Umgang und die Stellung innerhalb der Gruppe können sich Menschen äußerlich so stark verändern.
Bald zu sehen sind ein paar Bilder der Fotografin in Hamburg. Die Deichtorhallen zeigen in der Ausstellung The Day Will Come When Man Falls eine Auswahl aus der Sammlung F.C. Gundlach. Bestimmt einen Besuch wert.

Pepa Hristova: HAKIJE 1, Albania 2008 Archival Pigment Print © Pepa Hristova

Pepa Hristova: HAKIJE 1, Albania 2008
Archival Pigment Print
© Pepa Hristova

Dieses Thema wirft natürlich einige Fragen auf, die ich hier nicht eingehend beleuchten kann. Wie man mit der eigenen Identität umgeht. Wie man vor allem mit der Identität der Kinder umgeht. Ob es richtig ist, nur aus kulturellen Normen oder Vorschriften heraus einen Menschen so gravierend zu verändern. Oder andererseits, ob man durch diese gesellschaftliche Lücke (Beispiel Afghanistan) nicht auch Gutes ziehen kann – für die Töchter und den Rest einer Familie. Ich finde das sehr schwierig zu beurteilen, vor allem, weil man Konventionen, die über Jahrhunderte entstanden sind, nicht einfach wegwischen kann.
Wenn sich jemand noch weiter informieren möchte, hier wieder ein paar Links:

Thema im Weltspiegel vom 19.04.2015:
http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/ndr/afghanistan-168.html
http://://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/specials/maedchen-afghanistan-boygirls100.html
http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/specials/interview-gabor-Halasz-Boygirls-100.html

Thema in der ZEIT-Beilage Literatur vom März 2015:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/afghanistans-verborgene-toechter-buch-7369/
http://blog.feuilletonscout.com/literatur-afghanistans-verborgene-toechter-wenn-maedchen-als-soehne-aufwachsen/

Thema in der Ausstellung der Deichtorhallen im Juni 2015:
http://deichtorhallen.de/index.php?id=445

Zur Fotografin Pepa Hristova:
http://www.pepahristova.com/sworn-virgins/info/
Interview: http://www.photonews.de/blogbuch/pepa_hristova
http://www.missrosen.com/pepa-hristova-sworn-virgins/

Ein Gastbeitrag von Miriam Schmidt, freie Kunsthistorikerin in Hamburg

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: